Rede zum George Tabori Preis 2018
Hallo zusammen,
Vielen Dank für die Einladung.
Okay, ich werde hier nun dafür argumentieren, dass mehr politische Gruppen in der Kunst- und Kulturbranche Asyl bekommen sollten. Das ist heikel, da Kunst meist per se als befreit von Verwertbarkeitszwängen gedacht wird und als einer der letzten Zufluchtsorte für so was in einer durch kalkulierten und effizienzorientierten Welt gilt (was ja angesichts der Aufgaben von Ticketverkauf und oder des Statuserhalts der oberen sozialen Schichten nicht immer der Fall ist, aber an sich ist das schon wichtig). Und das Hauptargument ist, dass wir mit vielen sozialen, humanitären, ökologischen und politischen Krisen konfrontiert sind, zugleich die progressive politische Zivilgesellschaft eine Verengung der Einflussräume erlebt, und daher die Möglichkeiten der Kunst- und Kulturbranche im Gegenseitigen Interesse zur Verfügung gestellt werden sollten. Sollte diese Rede also etwas zu verschwurbelt erscheinen oder ihr euch denkt „das mach ich doch eh, alter, das musst du mir nicht erzählen“, wisst ihr hinterher zumindest worum es im Groben ging. Also:
Kennt ihr den Moment, in dem ein Kind voller Elan losrennt, hin fällt, und schreit was das Zeug hält? Zehn Minuten später geht es weiter, hüpft, spielt, es gibt was neues zu entdecken. Das ist eine der entscheidenden Qualitäten, die Kinder brauchen, um spielen zu können, um sich in Träume zu verwickeln und die Realität zu überprüfen. Erwachsene schreien ganz anders. Würden wir Erwachsene sehen, die plötzlich so schreien wie ein kleines Kind, würden wir uns wundern, ob die Welt nun jeden Moment untergeht. Und doch wundere ich mich gerade, wo unsere Welt wie wir die kennen, unterzugehen scheint, warum so wenig geschrienen wird, warum wir dieses direkte zur Wehr setzen gegen den Schmerz des Aufpralls nicht doch in die Erwachsenenwelt übertragen können.
Wir wollten doch auch alle noch in eine Welt hineinwachsen, wollten sie mitgestalten, so dass sie glitzert und mit Liebe vollgepumpt wird, alle ein bisschen anerkannt werden können. Spielen, tanzen, was Sinnvolles zu tun haben. Das wollen wir doch oder? Wir wollen doch eigentlich keine mentalen Gated Communities bilden, in denen wir mit ausgeklügelten Methoden sozialer Kontrolle darauf achten, dass wir, unsere Familie, unser links-liberaler Freundeskreis, unser Deutschland oder unser Europa, wenn das nicht geht dann halt doch nur unser Netzwerk, unsere Familie, als Letztes untergeht.
Aber gerade zerbricht so Vieles. Spätestens seit dem Fall von Lehman Brothers 2008, als die Finanzkrise eingeläutet wurde, wurden die Fenster für historische Alternativen breit aufgerissen – aber keiner traute sich wirklich da durch zu klettern und einen radikalen Wandel ein zu läuten. Es wurde verhandelt und gemahnt, ein paar wenige verantwortliche Köpfe rollten, wir dachten mal kurz darüber nach, ob Banken 20% Eigenkapital halten sollten (was das System erheblich stabilisieren würde) aber insgesamt begann eher eine Art orientierungsloser Schwebezustand. Wir haben nun zehn Jahre lang fleißig wiederholt, dass wir ja alle ganz schön in der Scheisse sitzen. Ganz schöne scheisse ist das, und der ewige Wachstum nenee, das ist doch unlogisch, das geht so nicht weiter. Und jetzt, die lauten und klaren Alternativen, die aus diesem verfaulten vor sich hin blubbernden Diskurs wachsen, sind eine grässlicher als die andere. Und ich denke da genauso an marktradikale Macrons wie an die Neonationalist*innen.
Das erschreckende daran ist, finde ich, dass wir die Analysen seit Jahrzehnten vorliegen haben, es fehlen schlicht die Strategien.
Der neue Faschismus der uns entgegen schwappt ist nämlich nicht zuletzt eben eine Strategie, eine bindende Erzählung die die Lücken schließt, die aufgerissen wurden. Es ist auch eine Reaktion auf die radikale Zerstörung der Welt, die wir alle erleben und an der wir alle etwas schüchtern, etwas hilflos den unbeteiligten Blick üben. Mir wurde vor kurzem erklärt, dass Haie vier Massenaussterben überlebt haben, 400 Millionen Jahre, die haben die fucking Dinosaurier überlebt – und dass wir Menschen die dann innerhalb von 40 Jahren auf 20% ihres Bestandes dezimiert haben? Und warum? Weil wir Haifischflossensuppe zu nem ganz guten Preis verkaufen konnten. Weiter nichts. Wirklich: nichts. Und so betreiben wir mit voller Energie die Haifischflossensuppisierung der Welt. Ähnliche Muster sehen wir in der Autoindustrie, in der Kohleindustrie und irgendwie auch in der neuen technologischen Entwicklung von Grenzregimes. Wir wissen es besser, doch kaum jemand sabotiert die Bagger in den Kohlegruben, kaum jemand sabotiert die Frontex-Boote, kaum jemand schneidet die Strommasten vor den Panzerhallen von Rheinmetall durch oder stoppt die Marineboote von Thyssen Krupp.
Uns ist da eine Ethik abhanden gekommen. Oder, sie ist nicht abhanden gekommen, aber so was wie die Oma in der Familie, die wir ja noch pflegen und lieb haben und die immer einen Weisen Rat parat hat, aber die nun mal den Alltag nicht bestimmt. Und plötzlich merken wir, dass uns die Welt, wie wir sie kannten, abhanden gekommen ist.
Wenn wir in den kommenden zwei bis fünf Jahren nicht global und allgemeingültig Alternativen zum unendlichen Wirtschaftswachstum durchsetzen und die schädlichen Industriezweige in nachhaltige und menschenfreundliche Bereiche konvertieren, sind Bewegungen wie die AfD und die Identitären nur ein Symptom.
Genauso wie die steigende Anzahl resistenter Bakterien ein Symptom sind, weil wir weiter massenhaft Tiere mit Antibiotika vollpumpen um billiges Hackfleisch zu kaufen. Das sind Symptome, einer Welt die es besser wüsste aber einfach weiter macht.
Ihr merkt, ich bin da tatsächlich wütend und verzweifelt und ich kann‘s verstehen, wenn ihr euch jetzt auch denkt mein Gott hör auf mit dieser Betroffenheit, wir wissen das doch alle. Ich denke aber wir müssen dringend darüber reden, wie wir mit einer kommenden Massenresignation umgehen werden, mit einer Generation, die nicht auf ihre Eltern schauen, und Hoffnung im Entschluss finden kann, es anders machen zu können – einfach weil es geht – sondern eine Generation, die vor irreversiblen Schäden steht. Meine Großmutter erzählte mir wie die linke Bewegung in den 60ger Jahren vor Optimismus nur so protzte, was nach einem solchen Zivilisationsbruch schon beachtlich war. Aber was, wenn ein solcher Optimismus, aus der Geschichte lernen zu können, von den Fakten irreversibler ökologischer Zerstörung eingefangen wird? Welchen Resonanzraum kann die nächste Generation dann noch haben, außer sich in mentalen Protektionismus zu fliehen oder nach starken Männern zu suchen?
So, und jetzt sind wir hier angekommen. Also fast. Ich glaube die Kunst- und Kulturförderung spielt hier eine wichtige Rolle. Was wir nämlich momentan in der NGO Szene beobachten sind die sogenannten „Shrinking Spaces“, also die Eindämmung von Einflussmöglichkeiten genuin politischer Akteur*innen, die weder staatlich, noch wirtschaftlich getragen werden. Staatliche Repression, politischer Einfluss durch die verschiedenen Bill Gates Stiftungen und gleichzeitige Abhängigkeit von Drittmitteln, teilweise auch regelrechte Kampagnen zur Delegitimierung von NGOs durch Murdochs und Orbans engen den Raum politischer Handlungsfähigkeit immer weiter ein. Wir kennen das der Kultur auch, prekäre Arbeitsbedingungen sind hier leider Alltag, da gibt es starke strukturelle Überschneidungen, die Jagt auf Haifischflossen hat viele Gesichter und unser Bestand wird immer weiter dezimiert.
Also, zusammengefasst gehe ich davon aus, dass politisch Arbeit momentan nicht nur immer wichtiger wird, ihr fehlen auch die richtigen Strategien und sie hat immer weniger Handlungsraum.
Ihr müsst wissen, als Peng Kollektiv kommen wir zum großen Teil aus den sozialen Bewegungen, aus der direkten Aktion, also quasi noch schlimmer als die „linksgrün-versifften“, und wir wurden sehr herzlich in der Welt der Kunst- und Kulturproduktion aufgenommen. Ich habe aber am Rande immer wieder auch Stimmen gehört, wenn wir auf Podien oder Veranstaltungen eingeladen wurden, denen es wichtig war, sich zu distanzieren: „das sind doch keine Künstler*innen, das sind doch Aktivist*innen“. Ich finde das voll in Ordnung und will hier auch nicht über den Kunstbegriff streiten. Das interessante ist, dass zivilgesellschaftliche, also genuin politische Organisationen und Stiftungen uns oft beratend einladen aber selten fördern mag. Deutschland findet zivilen Ungehorsam anscheinend eher ästhetisch interessant.
Aber was ich mit Peng immer gespürt habe, ist eine soziale Verantwortung, das juristische Privileg der Kunstfreiheit nutzen zu müssen. Wenn immer weniger Raum für die Entwicklung politischer Alternativen und Strategien zur gesellschaftlichen Mobilisierung existieren, dann möchte ich hier jaulen und flehend bitten: öffnet die Pforten für Aktivist*innen, gebt ihnen künstlerischen Asyl, damit sie von hier aus, mit dem Schutz der Kunstfreiheit, mit den offenen Denkräumen, den gut organisierten Produktionsleiter*innen und inspirierenden Narzist*innen und bunten Vögeln kämpfen können. Ich denke da vor allem an unsere Freunde aus der Türkei, aus Thailand, aus Nigeria, Ghana, dem Libanon oder Syrien, all den Ländern wo es wirklich eng wird. Wobei ich Deutschland von politischer Repression nicht freisprechen will – ich hatte selbst schon drei politische Hausdurchsuchungen und massenweise Morddrohnungen.
Die Kunstszene bietet so viele Ressourcen – Ideen und Sprache zu visualisieren, Beziehungen performativ erlebbar zu machen, Ideologien in ihrer Brüchigkeit unwiderstehlich und doch tödlich spürbar zu machen – das sind Fachkräfte, die für eine soziale Bewegungen super wertvoll sind, die gerade wirklich dringend Unterstützung braucht.
Und ich meine das alles gesamtgesellschaftlich, ne? Wir haben alle viel zu tun, das ist mir schon klar.
Kennt ihr diese Diskussion um die Singularität, dem Moment wo künstliche Intelligenz sich aus sich selbst heraus weiter entwickelt und wir als Menschen die Kontrolle über empathielose Maschinen verloren haben und wir dann nur noch unterdrückt und ausgenutzt werden, so wie wir selbst auch mit Affen und Kühen umgehen? Ganz Silicon Valley debattiert darüber, wann das wohl eintritt. Ich glaube der Moment ist schon längst eingetreten, als wir entschieden haben, dass Unternehmen juristisch mit Personen gleichgestellt werden. Im Prinzip ist strukturell genau das passiert, wovor bei der technologischen Singularitätstheorie gewarnt wird.
Und hey, das ist doch ein Punkt, den können wir vielleicht im Gegensatz zur steigenden Erderwärmung oder den Haifischbeständen noch revidieren! Das wäre doch ein erster Hoffnungsschimmer für unsere kommende Generation. Geben wir ihnen Kulturförderungen, ich erwarte dann auch die Buzzwords von Utopien, Immersionen, Authentizitäten oder Möglichkeitsräume in ihren Förderungsanträgen – wenn sie es schaffen, dass alle Mitarbeiter*innen eines Unternehmen in Zukunft für Missetaten verantwortlich sind, so wie die Fluchtfahrer*innen bei Banküberfällen, dann entsteht garantiert eine ganz andere soziale Dynamik. Mit voller Kraft, Inszenierungen in dieser wunderschönen Kuppel des Bundestags, gespiegelt in den Plenarsaal, wochenlang. Im EU Parlament, in allen Zeitungen, die jungen wilden – wenn so was abstraktes wie die Liebe hoch und runter inszeniert werden kann, dann schaffen wir doch auch die Abschaffung der juristischen Gleichsetzung von Unternehmen in die Realität zu pflanzen, so dass es jede versteht, oder? Und ganz ehrlich, dann soll das auch Kunst heißen – oder soziales Design oder politisches Handwerk, das ist mir dann egal.
Nehmen wir die kommende EU-Wahl als Beispiel – das wird ein Spektakel der Titanen sein – marktradikale und konservativ-liberale gegen nationalistische Kräfte aus Italien und der europäischen Alt-Right Bewegung. Nutzt es als Theaterraum! Bringt die subalternen Stimmen zu neuem Glanz und einlullender Attraktivität! Das könnt ihr doch, oder?
George Tabori hatte die Gabe, sehr verspielt, sehr liebevoll zu arbeiten, wie ich gehört habe. Er brachte Mozarts Zauberflöte in ein Zirkuszelt – eine so erhabene Operngesellschaft in einem ganz neuen Kontext. Er hatte eine feine Gabe, mit einer einladenden, humorvollen und liebevollen Art Regeln zu brechen, und uns dazu einzuladen, mitzumachen. Davon brauchen wir mehr, und zusammen mit der Oma, die an soziale Gerechtigkeit erinnert und dem kleinen forschenden Kind in uns, können wir uns auch trauen, den Kulturraum für das völlig verrückte und verträumte aber – und das ist mir wichtig – realpolitische Spiel zu öffnen. Lasst uns losrennen, hinfallen, los brüllen – und dann weiter rennen.
Vielen Dank.