{"id":2314,"date":"2022-11-30T11:32:54","date_gmt":"2022-11-30T11:32:54","guid":{"rendered":"https:\/\/pen.gg\/?p=2314"},"modified":"2022-11-30T12:29:38","modified_gmt":"2022-11-30T12:29:38","slug":"aufstand-der-letzten-generation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pen.gg\/de\/aufstand-der-letzten-generation\/","title":{"rendered":"Es gibt ein richtiges Kleben im Falschen"},"content":{"rendered":"<h3>W\u00e4hrend unsere Gesellschaft immer tiefer in die Klimakatastrophe steuert, gehen uns ein paar junge Menschen geh\u00f6rig auf die Nerven. Sie zwingen uns, innezuhalten und zu fragen: Wann tun wir endlich genug?<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Ein Spiegel-Gastbeitrag des Peng!-Kollektivs<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es sind diese Momente, auf die man sp\u00e4ter zur\u00fcckschaut und bei denen alle sagen: Es hat sich doch abgezeichnet, dass das kommen w\u00fcrde. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die multiplen Krisen, die Proteste: Na klar musste es zum gro\u00dfen Umdenken kommen. Aus der Retrospektive ist jede gro\u00dfe gesellschaftliche Umw\u00e4lzung \u00bbganz logisch\u00ab, sei es die deutsche Wende oder der arabische Fr\u00fchling. Aber auch dort waren es lange Zeit nur wenige, die daran glaubten, die aktiv daran arbeiteten.<\/p>\n<p>So ist es auch jetzt. Vielen ist klar, dass wir auf Grund steuern. Doch sie sind im Alltag eingespannt, es gibt kaum Zeit, sie schauen weg. Weil Ruhe, Mut und Kraft fehlen, ruhen sie sich aus, klicken Amazon, klicken Urlaubsflug. Sie wissen, dass das nicht reichen wird. Wer sich nicht ertappt f\u00fchlt, werfe die erste Lithium-Batterie.<\/p>\n<p>Doch der Wind dreht sich langsam. Es werden immer mehr, die Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Early Adopters der Letzten Generation haben. Auf Parties, in Kommentaren, der Applaus wird lauter. Im Livestream ihrer Flug-Blockade h\u00f6rten wir den Sicherheitsmann sagen \u00bbIch hab doch selbst zwei Kinder, aber was soll ich denn machen?\u00ab Das Wissen ist da, die Strategien nicht.<\/p>\n<p>Doch dann gibt es auch die, die alle einsperren lassen wollen. Sie jaulen, sie schimpfen, sie st\u00f6hnen. Es gebe unternehmerische L\u00f6sungen, sagt die Wirtschaft. Wir k\u00f6nnen den Status Quo erhalten, sagt die Politik. Es ist l\u00e4cherlich, sagt der Stolz.<\/p>\n<pre>Es ist was es ist,\r\nsagen sie vielleicht,\r\nwenn sich ihr eigenes Kind\r\nan den BMW-Massage-Sitz klebt.<\/pre>\n<h2><\/h2>\n<h2>Sie lassen sich nicht umarmen.<\/h2>\n<p>Was der Aufstand der Letzten Generation gerade macht, ist genial. Je mehr sie st\u00f6ren, desto mehr f\u00fchlen wir uns ertappt. Die erste Reaktion war Abwehr, damit wir weiter verdr\u00e4ngen k\u00f6nnen. Und bei jeder Aktion stieg die Emp\u00f6rung. Jetzt sind sie da. Kartoffelbrei. Auto im Stau. Licht an. Musik aus. Wir m\u00fcssen reden: Die Aktionen zwingen uns zu einer Reaktion.<\/p>\n<p>Ihre Interventionen lassen sich nicht einhegen und mit Schulterklopfen ignorieren. Sie lassen sich nicht umarmen und beiseiteschieben. Sie reiben uns so lange mit dem Ernst der Lage ein, bis wir ihn verstanden haben. Die Letzte Generation will nicht geliebt werden, sie will uns r\u00fctteln und sch\u00fctteln bis nicht anders geht, als sich der Realit\u00e4t zu stellen.<\/p>\n<p>Sie verschmelzen ihre K\u00f6rper mit den Pflastersteinen, anstatt sie nach uns zu schmei\u00dfen. Sie beziehen sich auf Verfassung und Stand der Forschung, anstatt mit dem System zu brechen. Sie setzen also die volle H\u00e4rte des Rechtsstaats und der Wissenschaft ein, entgegen der Ideologie der Politik. Und am Ende zwingen sie uns zur Empathie: wir m\u00fcssen uns b\u00fccken, nach L\u00f6semittel zu suchen. Innehalten, egal was wir gerade tun.<\/p>\n<p>Sie werden nicht aufh\u00f6ren, egal wie \u00fcbel die Verleumdungen, egal wie hoch die Strafen. Sie zwingen uns zu fragen: Was genau tust du, um diese st\u00e4ndig steigenden Emissionen zu stoppen?<\/p>\n<pre>Bis die Angestellte\r\nim Finanzministerium\r\nsich eines Tages fragt,\r\nob sie die internen Geheimpapiere,\r\ndie unlauteren Vereinbarungen\r\nmit der fossilen Wirtschaft\r\nan 30 Redaktionen schickt.<\/pre>\n<h2>Sie geben ihrem Leben eine Bedeutung.<\/h2>\n<p>Das bisschen Kleber, das bisschen Farbe in einem Feuerl\u00f6scher, vielleicht irgendwann auch ein bisschen Bungeejumping in den Bundestagsplenarsaal, das gibt unserer Welt wieder Sinn. Es gibt Bedeutung, macht Spa\u00df und ist ein garantiertes Abenteuer. Der Aufstand hat eine der wohl coolsten Antworten im Angebot, wenn es in 20 Jahren hei\u00dft: Wo warst DU als wir die Zivilisation vor dem Kollaps gerettet haben?<\/p>\n<pre>Ich war bei Mercedes und\r\nhabe \u00fcber Nacht\r\ndie Sicherungen aufgegessen.\r\n\r\nIch dr\u00fcckte\r\nden Feueralarm\r\nim Springerverlag.\r\n\r\nIch war Kanzler\r\nja sogar Klimakanzler\r\nund rief den Notfall aus.<\/pre>\n<p>Das macht ihre Aktionen so sch\u00f6n. Sie zeigen, was es hei\u00dft, nicht korrumpierbar zu sein, ohne doppelten Boden. Sie sind v\u00f6llig ausgeliefert \u2013 der Strafverfolgung und dem \u00f6ffentlichen Hass. Das ist ein krasser Gegensatz zu der von Lobbyismus und Machterhalt geformten Verschleppung in der professionellen Politik. Performativ ist es die Verk\u00f6rperung der regierten Subjekte: Als wenn die B\u00fcrger bei Kafka, mit einer eigenen Botschaft, verzweifelt den Kaiser suchten, der sich in der Architektur der Herrschaft aufgel\u00f6st hat.<\/p>\n<h2>Sie zwingen uns, die Realit\u00e4t anzuerkennen.<\/h2>\n<p>Dabei sind sie nicht elit\u00e4r, alle k\u00f6nnen mitmachen. Jederzeit, \u00fcberall. Es ist so lustig, wie sie autorit\u00e4re Charakter auf die Palme bringen \u2013 Friedrich Merz, Alexander Dobrindt, Omid Nouripour oder Nancy Faeser. Wie in der Philharmonie alle \u00bbOooh Neeein\u00ab rufen, wenn sie ihren geliebten Beethoven h\u00f6ren wollen, aber da wieder jemand am Notenst\u00e4nder klebt. Die Letzte Generation kann man nicht umarmen, wie eine bunte Sch\u00fcler:innen-Demo. Man kann ihnen nicht f\u00fcr ihr Engagement danken und dann einfach weitermachen.<\/p>\n<pre>Man kann\r\nsich festkleben\r\nans Pult\r\nim Bundestag.<\/pre>\n<p>Die Letzte Generation zwingt uns, unsere verdr\u00e4ngte Fantasie einer verst\u00f6renden Zukunft hervorzuholen. Sie bei\u00dft uns in die Hand, die sich im Lenkrad eines \u00bbWeiter so\u00ab festkrallt. Sie fordern einen Strukturwandel, aber auch Kleinigkeiten, die eine Mehrheit bereits gefordert hat, wie 9-Euro-Ticket und Tempolimit. Demokratische Trippelschritte. Und wieder f\u00fchlen sich alle ertappt, die sagen, es w\u00fcrde reichen.<\/p>\n<p>Die Frage der Letzten Generation ist metaphorisch und konkret zugleich: Wenn du nicht klebst, was tust du dann? Was tust du, damit wir genug tun?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Foto von Lina Eichler,\u00a0(CC BY 2.0 Lizenz)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend unsere Gesellschaft immer tiefer in die Klimakatastrophe steuert, gehen uns ein paar junge Menschen geh\u00f6rig auf die Nerven. 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